6. August 2020

Who cares? Frauen in der Corona-Krise

„Krisen verstärken alle existierenden Ungleichheiten“ schreibt UN Women und nennt die Corona-Krise gleichzeitig eine „Krise der Frauen“.[1] Doch was genau ist damit überhaupt gemeint? Wir Jusos haben uns bereits Anfang April im Arbeitskreis (AK) Feminismus damit beschäftigt. Dieser Blogeintrag greift einerseits die in der Sitzung diskutierten Inhalte auf, kann aber auch für sich stehen.

Frauen als wirtschaftliche Verliererinnen

Frauen verdienen im Durchschnitt 21 % weniger als Männer. Gründe dafür sind, dass Frauen öfter in Teilzeit arbeiten, um zuhause unbezahlte Care-Arbeit zu erledigen und häufiger in Bereichen wie z. B. der Pflege oder im Einzelhandel arbeiten, die einen geringen Stundenlohn haben. Auch sind Frauen weniger in Führungspositionen zu finden und arbeiten öfter in prekären Bereichen. Zudem kümmern sie sich immer noch mehrheitlich um die Kindererziehung und geben hierfür mitunter ihre Arbeit auf. Da der Gehaltswegfall in der Regel nicht so groß ist, wie wenn Männer aufhören zu arbeiten, scheint dies für viele Familien die sinnvollste Lösung zu sein.

Das bedeutet allerdings auch, dass die finanzielle Abhängigkeit von Frauen wächst. Gleichzeitig ist es für Frauen schwieriger als für Männer, nach der Kündigung wieder einen Job zu finden. Frauen verschwinden aus der Arbeitswelt. Die traditionelle Rolle der Frau zuhause wird gestärkt. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Während der Corona-Krise haben Paare, die zuvor eine gerechte Aufteilung von unbezahlter Care-Arbeit hatten, dies nur in 62 % fortgeführt.[2]

Frauen in systemrelevanten Pflegeberufen

Den Begriff der „systemrelevanten Berufe“ haben wir alle schon mal gehört. Das sind die Berufsgruppen, die das alltägliche Leben stützen. Ohne sie würde das System zusammenbrechen. Doch wer steht eigentlich dahinter? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass 75 % der systemrelevanten Berufe von Frauen ausgeübt werden. Während einer Pandemie sind besonders die Pflegeberufe wichtig für uns. Falls wir erkranken sind es die Menschen in der Pflege, die uns helfen. Hier liegt der Frauenanteil sogar bei 80 %.

Doch die Pflege ist von einem immensem Fachkräftemangel gekennzeichnet. Es wird davon ausgegangen, dass bereits 2019 ca. 12.000 Fachkräfte fehlten. Paradoxerweise wird darauf verzichtet Anreize zu schaffen – so wird z. B. die Bezahlung in diesen Berufen nicht verbessert. Im Durchschnitt bleibt eine Pflegekraft nur drei Jahre im Dienst. Danach wechselt sie in die private Pflege oder sogar in einen ganz anderen Bereich.

Der Pflegebonus, der im Zuge der Corona-Pandemie beschlossen wurde, ist nicht genug. Gebraucht wird nicht eine einmal Zahlung, die gemessen an der Verantwortung und dem Risiko, dem sich die Pflegekräfte täglich aussetzen, auch noch zu gering ausfällt. Es braucht eine – komplett überfällige – strukturelle Verbesserung.

Frauen als Opfer von häuslicher Gewalt

Wie hoch die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt ist, kann man nicht genau sagen. Doch man geht davon aus, dass die Corona-Krise auch hier zu einer deutlichen Verschärfung geführt hat. Familien bleiben mehr zuhause, finanzielle Ängste steigen und in einigen Fällen kommt Frustration über den Verlust des Arbeitsplatzes hinzu. Ängste oder gar Depressionen verschlimmern die Situation.

Doch wie soll man sich Hilfe holen, wenn der Mann auch zuhause ist und die Frau keine Möglichkeit hat, ungestört z. B. bei der Telefonseelsorge anzurufen. Auch das Online-Angebot ist noch nicht auf dem Stand, dass darüber Hilfe so niederschwellig wie nötig angeboten werden kann. So ist es z. B. meist nicht möglich, sich über einen Messenger Hilfe zu suchen. Auch die Sozialkontrolle durch Schule, Arbeit, Freund*innen und Familie fiel während der Corona-Pandemie größtenteils weg.

Fazit – Wie geht es weiter?

Alle aufgeführten Punkte sind nur Beispiele. Man könnte an vielen weiteren Punkten zeigen, wie sich die Ungleichheiten verschärfen. Doch ein Konzept wie damit umgegangen werden soll, fehlt an den meisten Stellen. Die Erhöhung des Mindestlohns, das Recht auf Arbeit oder mehr finanzielle Ressourcen für Frauenhäuser sind alles Ansatzpunkte, die uns dabei helfen würden, zu einer wirklichen Gleichstellung zu gelangen. Sie sind aber nur ein Aufschlag, eine Inspiration für alles weitere was noch kommen muss. Corona wirft uns in vielen Fragen zurück. Gleichzeitig gibt es uns auch die Möglichkeit darüber nachzudenken, was wir erreichen, ändern müssen und was uns wirklich wichtig ist.

Zur Autorin: Malwina Scheele, 19, ist Finanzreferentin im Vorstand der Jusos Essen und leitet den Arbeitskreis Feminismus.


[1] https://www.unwomen.de/helfen/helfen-sie-frauen-in-der-corona-krise/corona-eine-krise-der-frauen.html Zugriff: 04.08.2020; 12:32 Uhr

[2] https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/zurueck-an-den-herd-zerstoert-corona-frauen-karrieren/25802466.html Zugriff: 04.08.2020 13:30 Uhr